Alltag der syrischen Flüchtlinge

Noch bevor die Sonne über dem Bekaa Tal im Libanon aufgeht, beginnt sich im  Zelt von Fatima Ibrahim etwas zu rühren. Gemeinsam mit ihren zwei Söhnen und drei Töchtern lebt sie hier in einer der improvisierten Siedlungen für syrische Flüchtlinge, die seit drei Jahren das Bild der libanesischen Landschaft prägen. Mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge lebt heute im Libanon; das ist mehr als in jedem anderen Staat. Und Bekaa beherbergt 400.000 davon – mehr als irgendwo sonst im Land.

Auch im Nachbarszelt zeigt sich Leben. Kinder tapsen heraus und beginnen die Ziegen und Hühner zu füttern. Zwischen gespannten Seilen und Plastikplanen beginnen Frauen flaches Brot zu backen. Dazu nutzen sie die Rückseite großer Töpfe, die sie über kleinen Feuerstellen erhitzen.

Auch die 41-jährige Fatima denkt über das Frühstück nach: “Meine größte Sorge ist es, meine Kinder täglich zu ernähren”, sagt sie. An diesem Morgen hat Fatima kein Essen zur Verfügung. Also geht sie zu einem der Nachbarn und bringt einen Teller Oliven, ein wenig Brot und Tee zurück. „Wir sind hier wie eine große Familie, die aufeinander aufpasst“, erklärt sie. „Die Kinder fragen mich ständig nach mehr Essen, aber ich kann ihnen einfach nicht mehr bieten.“

Das Leben im Libanon ist nicht gerade günstig für syrische Flüchtlinge. Offizielle Flüchtlingscamps gibt es nicht, also müssen die Menschen Miete für ihre Zeltplätze zahlen. Dazu kommt Geld für Strom, Wasser und Müllbeseitigung. Ein Ein-Raum-Zelt, wie das von Fatima kommt somit auf ca. 1300$ im Jahr. Die Caritas versorgt Neuankömmlinge mit einem Startpaket, das einen Campingkocher, Bettwäsche, Decken und Nahrungsmittel enthält. Manchmal auch ein wenig Bargeld für die Miete. Im dritten Jahr der Krise wird es für die Flüchtlinge allerdings immer schwerer sich selbst zu erhalten.

“Wir haben unsere Aktivitäten ausgeweitet”, erklärt Najla Chahda, Leiterin des Caritas Flüchtlingsbüros im Libanon. „Der Fokus liegt nun weniger auf Verteilung und vermehrt darauf, Fähigkeiten zu vermitteln, die am Arbeitsmarkt gefragt sind.“

Einige der Frauen machen sich gerade auf zu den nahegelegenen Feldern. Das Bekaa Tal ist landwirtschaftlich genutztes Gebiet und es gibt die Möglichkeit Tages-Jobs zu finden, etwa als Erntehelferin. Auch die Männer sind geschäftig. Sie graben bessere Abflüsse um die Hygienesituation im Camp zu verbessern.  Und doch: Wegen der großen Anzahl an Menschen, haben die meisten Flüchtlinge keine Chance auf ein regelmäßiges Einkommen. „Wenn der Gemüsehändler kommt, werde ich ihm Essen auf Kredit abkaufen. Der einzige Weg zu überleben, ist für mich Schulden zu machen“, sagt Fatima.

Zusätzlich zu Fatimas regulären Ausgaben kommen auch noch medizinische Kosten für ihren 12-jährigen Sohn Mohammed. Er hat einen Arm verloren, als eine Granate nahe dem Haus seiner Großeltern in Idlib, Syrien, einschlug. Die Caritas hat in der Nähe eine mobile Klinik eingerichtet, um den Flüchtlingen zumindest eine Basisversorgung anbieten zu können. Unter den PatientInnen befindet sich auch Khairiyas Familie. Sie ist die Mutter von 4 Mädchen und einem kleinen Buben. Die Mädchen sind alle krank. Sie leben in einem Camp an einem vollkommen verdreckten Fluss. Alles ist staubig und voller Fliegen.

Das Baby hat Reflux. Es wurde in einem nahegelegenen Krankenhaus geboren, hat aber seither jeden Tag seines Lebens im schmutzigen Camp verbracht. Trotz der gesundheitlichen Probleme ist Khairiya glücklich, nach vier Mädchen endlich einen Sohn geboren zu haben. Zum Teil auch deshalb, weil sie sich um die Sicherheit der Mädchen große Sorgen machen muss. „Ich behalte die Kleinen den ganzen Tag im Zelt“, sagt sie. „Man hört Geschichten, dass Mädchen hier missbraucht worden sind.“

Sollte ihr Mann heute als Tagelöhner angeheuert werden, kann sich die Familie vielleicht ein Mittagessen leisten. Hat er Pech, werden sie hungern. „In Syrien gab es Bomben und Hunger. Hier im Libanon gibt es nur Hunger”, sagt einer ihrer Freunde resigniert.

Eine der bisher größten Errungenschaften der Caritas ist es, eine zweite Schicht in libanesischen Schulen eingeführt zu haben. So müssen auch die syrischen Kinder nicht auf den Unterricht verzichten. Die Caritas übernimmt den Transport und Kosten für Schultaschen, Bücher und andere Materialien. Außerdem steht sie beim Anmeldeverfahren hilfreich zur Seite.

„Sicherzustellen dass 60.000 Kinder in der Lage sind die Schule zu besuchen, war ein enormer Erfolg für die Caritas“, sagt auch Chada vom Flüchtlingsbüro. Nisrayeh ist eine jener Mütter, deren Kinder vom Caritas Programm profitieren. Zusammen mit 60 anderen Familien wohnt sie in einem nur halb fertiggestellten Wohnhaus. „Mir war es extrem wichtig meine Kinder weiterhin in die Schule zu schicken. Eher würde ich hungern, als dass ich sie daran hindern würde“ sagt sie. „Die Schulen behandeln die Kinder wirklich gut. Sie haben meine Kinder herzlich aufgenommen.“ Nisrayeh bemüht sich nach Kräften ihren Kindern ein möglichst normales Leben zu bieten. „Ich arbeite hart, um die Verhältnisse erträglich zu machen. Aber sie sehen die Wahrheit“. Eine der Enttäuschungen war es etwa, als der Fernsehapparat den sich die Familien im Haus teilen, kaputt wurde. Das bedeutete, dass der 12-jährige Sohn nicht die Fußball WM verfolgen konnte.

Manche mag es überraschen, dass es überhaupt so viele TV-Geräte und Satellitenschüsseln im Camp gibt. Aber dabei handelt es sich um eine essentielle Verbindung zur Außenwelt –  und in die Heimat.

“Alle zwei oder drei Stunden gibt es einen News Flash aus Syrien”, sagt Rasha, die in einem ehemaligen Einkaufszentrum im Norden des Libanon untergekommen ist. “Die Menschen hier sind besessen von Nachrichten aus Syrien.” Hier zeigt sich ein Teil des Traumas, mit dem die Flüchtlinge fertig werden müssen. Sie blenden ihre aktuelle Situation aus und bleiben in Gedanken bei den Entwicklungen zu Hause kleben. „Die Zustände im Camp lassen niemanden kalt. Es nagt an dir. Der Lärm, die Kinder, die fehlende Privatsphäre. Es ist, als wäre man in einer Psychiatrie gefangen, oder im Gefängnis”, sagt Rasha.

Gerade bereitet sie das Abendessen zu. „Heute gibt es entweder Grüne Bohnen mit Zitrone, oder Grüne Bohnen ohne Zitrone“. Nach dem Essen legt sie sich schlafen. Wie jede Nacht weint sich Rasha in den Schlaf. Ihre Gedanken sind bei ihren Eltern, die sie in Syrien zurücklassen musste.

Als die Sonne in Bekaa untergeht, bereitet sich auch Khairiya aufs Bett vor. Doch es ist nicht das schreiende Baby mit der Kolik, das sie die ganze Nacht wachhalten wird. Es ist die Sorge vor dem nächsten Tag. Seit drei Jahren ist sie nun ein Flüchtling im Libanon.

 

Der Autor Patrick Nicholson ist Mitarbeiter der Caritas Internationalis.

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