Syrien – die Geschichte von Amar …

“Gruselig” – so beschreibt Laurette Challita, Sozialarbeiterin der Caritas Libanon, ihre erste Begegnung mit Amar während eines Besuchs von syrischen Flüchtlingen im Norden des Landes. Das 18-jährige Mädchen hatte ein dünnes, ausdrucksloses Gesicht, das kreidebleich unter ihrem schwarzen Kopftuch hervorsah. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Sprach man sie an, antwortete sie in einem endlosen Gemurmel in dem sie immer wieder „Inshalla, Inshalla“ (So Gott will) wiederholte.

Zu dieser Zeit weigerte sich Amar auch mit ihrer Familie zu kommunizieren. Ihr Vater musste sie dazu  zwingen, etwas zu essen. Wann immer ein Flugzeug über ihre Unterkunft flog, versteckte sich Amar im Badezimmer.

 

Amar, 18, posiert am 19. Juni 2014 im Caritas Flüchtlingsbüro in Dahr El Ain, nahe Tripoli. Seit sechs Monaten hat sie kein Wort gesprochen. Credit: Matthieu Alexandre/Caritas

Amar, 18, posiert am 19. Juni 2014 im Caritas Flüchtlingsbüro in Dahr El Ain, nahe Tripoli. Seit sechs Monaten hat sie kein Wort gesprochen. Credit: Matthieu Alexandre/Caritas

Laurette Challita kann auf zehn Jahre Erfahrung mit Kriegsopfern aus dem Irak und aus Syrien zurückgreifen. Einem so schwer traumatisierten Fall wie Amar ist sie in dieser Zeit nicht begegnet. Stück für Stück konnte sie die Lebensgeschichte der jungen Syrerin rekonstruieren.

Mit 14 Jahren wurde Amar mit ihrem damals 25-jährigen Ehemann verheiratet. Es war eine arrangierte Ehe, auch wenn ihr Vater sagt, dass das Paar sich ineinander verliebt hätte. Vor zwei Jahren bekamen die beiden einen Sohn.

Dann kam der Bürgerkrieg nach Aleppo. Ihre Eltern flüchteten in den Libanon und ließen Amar mit der Familie ihres Mannes zurück. Eines Tages traf eine Bombe das Auto, in dem Amar unterwegs war. Sie überlebte den Angriff, benahm sich aber seither sonderbar.

Ihre Schwiegermutter verstand nicht, dass Amars Verhalten von einem psychischen Trauma herrührte. Sie begann die junge Frau zu misshandeln, nannte sie „besessen“. Die Schwiegermutter drängte ihren Sohn zu einer neuerlichen Heirat. Amar wurde gezwungen, bei der Verlobungsparty anwesend zu sein.

Als ihr Zustand sich weiter verschlechterte wurde sie zu ihrer Familie in den Libanon geschickt. Die Trennung von ihrem Sohn war zu viel für die junge Mutter. Sie zog sich in ihre eigenen Gedanken zurück und kapselte sich komplett von ihrem Umfeld ab.

“Ich war schockiert darüber, was aus ihr geworden war”, sagte ihr Vater Ahmed. „Amar bedeutet ‚Mond‘ auf Arabisch. Die Amar die ich kannte, schien wie der Mond. Sie war so fröhlich, so warmherzig und schlau.”

Amar wurde an die Caritas Psychologin Caroline Ghosn verwiesen. „Sie war katatonisch und hatte multiple Persönlichkeiten entwickelt um sich vor dem Erlebten zu schützen“, sagte die Ärztin.

Die Therapie zeigte nur langsam Fortschritte. Eines Tages schaffte es Amar einen Ball zu fangen und weiterzuwerfen. Ein Durchbruch, wie ihre Therapeutin anmerkt.

Ihr Vater gibt Amars Ehemann und dessen Familie keine Schuld an dem was geschehen ist – nur dem Krieg. Ihr Mann hätte seine Verlobung inzwischen gelöst und wolle Amar zurück, sagt er, doch fürs erste solle seine Tochter im Libanon bleiben.

Patrick Nicholson ist Mitarbeiter der Caritas Internationalis und berichtet aus dem Libanon.

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