Gesichter der Armut

Armut, Armutsgefährdung und die Vorstellung dessen, was arm sein bedeutet könnte unterschiedlicher nicht sein und doch wird es, wenn es augenscheinlich wird, klar, was echte Armut ist und bedeutet. Mittlerweile zählen in Europa viele Menschen zu jenen, die armutsgefährdet sind. Im Süden Europas können sich viele Menschen Fleisch, das Öl zum Heizen oder einen Arztbesuch nicht mehr leisten. Im Vergleich zu vielen anderen sind sie arm. Im Vergleich zu vielen Millionen anderen wird ihre Armut dennoch relativ. Für den Rest, den deutlich kleineren Rest, sind solche Sorgen Fremdwörter. Sie fühlen sich arm, wenn sie sich kein neues Auto, einen Restaurantbesuch oder anderen Luxus nicht mehr leisten können.

Jeder Luxus verdirbt die Sitten oder den Geschmack

Joseph Joubert

2013 haben die privaten Haushalte in Deutschland 143,48 Milliarden Euro für Freizeit, Unterhaltung und Kultur ausgegeben. Damit sind die Ausgaben für diesen Bereich in den letzten 10 Jahre um 21,61 Prozent angestiegen. Rund 8,9 Prozent der gesamten getätigten Ausgaben der privaten Haushalte fließen demnach in das Vergnügen. Das ist kein Bild, das nur für Deutschland gilt. Keineswegs. Es gilt für das gute alte Europa. Noch (!) für einen Großteil der Bevölkerung. Aber der Anteil derer, die sich diesen Luxus leisten können, nimmt rapide ab. Im Durchschnitt geben die privaten Haushalte in Österreich Euro 2.910,– aus. Rund 12,8 Prozent dieser Ausgaben geben die österreichischen Haushalte für Freizeit und Sport aus. Das sind immerhin Euro 372,48 pro Monat. Das Empfinden derer, die sich zu dieser Gruppe der Bevorzugten zählen dürfen, ist ein anderes. Naturgemäß und menschlich. Arm ist hier, wer am Wochenende nicht ein Restaurant oder eine Bar besuchen kann. Er ist weit entfernt von echten Sorgen. Zugegeben, Sorgen sind subjektiv und doch ist klar, dass diese bevorteilten Menschen nicht zu jenen gehören, die etwas mit Armut zu tun haben.

Der Schmerz, besitzlos zu sein, ist weit leichter zu ertragen als der, besitzlos zu werden

Seneca

Im Süden Europas haben viele Menschen mit und nach der Finanzkrise, die durch die Banken und großen Finanzhaie ausgelöst wurde, jene Erfahrung gemacht, von der Seneca gesprochen hat. Hatten sie zuvor ein Einkommen, dass es ihnen ermöglicht hat, ihre Familie mit dem Notwendigsten zu versorgen, so sind viele derer, während beziehungsweise nach der Finanzkrise in die Armut gerutscht. Nicht wenige von ihnen haben ihre Arbeitsstellen verloren und damit die Absicherung für sich und ihre Familien. In Griechenland sind mehr Kinder, als je zuvor in Kinderhorten untergebracht. Nicht selten können sich die Eltern ein Kind einfach nicht mehr leisten. Das klingt brutal, ja beinahe unmenschlich und dennoch ist es bittere Realität. Die Arbeitslosenquote im Süden Europas (in Griechenland, Spanien, Italien, Portugal & Co) liegen jenseits von Gut und Böse. Insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit ist dramatisch und macht aus dem Kapital eines jeden Landes eine Jugend ohne Perspektiven, Hoffnung und Zukunft.

Arztbesuche und eine warme Wohnung sind von heute auf Morgen zum Luxus verkommen. Die einstigen Gedanken und Probleme, wie zum Beispiel, wo und wie sie ihr Wochenende verbringen, sind zur Nebensächlichkeit verkommen. Von heute auf Morgen. Über Nacht. Unverschuldet sind sie in die Armut geschlittert. Was bleibt, ist der Blick zurück. Der Blick zurück in ein vermeintlich normales und wünschenswertes Leben.

Wer die Ärmsten der Welt gesehen hat, fühlt sich reich genug zu helfen

Albert Schweitzer

Und doch gehören auch die zuvor angeführten armen Europas nicht zu den ärmsten Menschen der Welt. Natürlich geht es mir hier nicht darum, einen Wettbewerb echter Armut zu veranstalten. Denn es steht außer Frage, dass auch die Armen hier in Europa unserer aller Hilfe bedürfen. Aber Armut ist eben relativ und dies offenbart sich, wenn in den vielen Bildern und Berichten, die über das Netz der Netze verteilt werden. Jährlich sterben weltweit sechs Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an Mangelernährung. Täglich (!) gehen 800 Millionen Menschen mit hungrig zu Bett. Darunter befinden sich 300 Millionen Kinder. Alle 3,6 Sekunden verhungert ein Mensch. Zahlen, die Armut relativieren. Sie bedürfen keiner Bilder. Zahlen und Fakten, die hier zu Lande jeder kennt.

armut

Ja, die Schere zwischen Arm und Reich wird auch in Europa immer größer. Unaufhaltsam zieht auch im guten, alten Europa die Armut auf leisen Sohlen ein. Hilfsorganisationen, die sich derer annehmen, vermelden beinahe monatlich neue Rekordzahlen. Ein trauriger Rekord. Armut ist relativ. Armut ist gefährlich. Es ist leicht mit dem Finger auf jene zu zeigen, die sich im Bürgerkrieg in Syrien die Hände mit Blut anderer beschmutzen. Und ja, Krieg, Kampf und Tod sind keine Lösung. Aber die Hoffnungslosigkeit, die Perspektivelosigkeit und vielleicht auch Chancenlosigkeit liegen wie ein Damoklesschwert über uns. Ein Schwert, das jederzeit zuschlagen kann und bereits mancher Orts zuschlägt. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass es gerade solche Situationen sind, die so manchen Prediger auf den Plan rufen und kurzfristig erfolgreich sein lassen. Auf kurze Zeit. Aber immerhin bietet jener ein Hoffnung, Perspektive und Anerkennung …

Welthungerkarte 2013

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