Zuflucht ein Gebot der Bibel – sind Muslime die besseren Christen?

Europa nennt sich zivilisiert, hoch entwickelt, eine Gesellschaft mit Werten und zweifelsohne eine christlich orientierte Gesellschaft. Orientiert an dieser Stelle betont, denn das ermöglicht Spielraum für Interpretation und lässt auch gestalterischen Spielraum offen. Werte, insbesondere christliche, sind vergleichbar mit einer Bedarfsmedikation, die unsere Gesellschaft bei Bedarf vorn an stellt und im Fall des Falles wieder untertauchen lässt. Quasi Werte auf Abruf und Bedarf.

Was vielen in der Auslegung der christlichen Werte gerne entgeht, hat erst unlängst Papst Franziskus auf den Punkt gebracht. „Wenn ein Flüchtling eintrifft, und alle Sicherheitsmaßnahmen sind gegeben, dann ist es klar, dass man ihm Zuflucht gewähren muss, weil es ein Gebot der Bibel ist.“. Das klingt eindeutig und doch findet auch hier der findige Politiker sein Schlupfloch, denn sind denn wirklich alle Sicherheitsmaßnahmen gegeben? Es sei hier die Frage erlaubt, ob die Bibel tatsächlich den Sicherheitsaspekt in den Mittelpunkt stellt oder ob es sich hierbei um eine an die heutige Gesellschaft angepasste Ausgabe handelt. Fakt ist im Mittelmeer ertrinken tausende Kinder, Frauen und Männer. Fakt ist die IS ermordet rücksichtslos tausende Menschen. Fakt ist, dass der Libanon und die anderen Nachbarländer, die aber tausende Flüchtlinge aufgenommen haben, an ihre Grenzen gelangt sind. Grenzen, die weit – unsagbar weit – über den europäischen zu liegen scheinen und dies obgleich Europa über deutlich höheren Wohlstand verfügt.

Papst Franziskus unterstreicht, dass das herrschende System den Gott des Geldes und nicht der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Damit bringt es das Oberhaupt der Kirche auf den Punkt. Menschlichkeit und Nächstenliebe rücken dann in den Hintergrund, sobald unser Wohlstand gefährdet ist beziehungsweise gefährdet zu sein scheint. Angstparolen geistern durch die Nachrichten. Hass und Neid werden geschürt. Und wer sich mit Geschichte etwas befasst, dem könnte beinahe etwas anders zu Mute werden. Und doch hat Papst Franziskus auch in diesem Punkt den Nagel auf den Kopf getroffen. Wir Europäer können das Blatt drehen und wenden wie wir wollen, unser Handeln wird vom Kapital bestimmt. Es hat uns geprägt. Zumindest das Handeln jener, die im guten alten Europa die Entscheidungen treffen. Denn eines sei hier hervorgehoben, die Initiativen, die in Deutschland und Österreich, aber auch Kroatien von Privaten organisiert wurden sprechen eine andere Sprache. Die Sprache der wahren Christen, die Sprache der Nächstenliebe und Menschlichkeit, denn seien wir ehrlich alles andere hat im Angesicht des Elends im Nahen Osten keinen Platz.

Der Papst meint weiter: „Wo die Ursachen im Hunger liegen, muss man Arbeit schaffen und Investitionen tätigen. Dort, wo die Ursache der Krieg ist, muss man Frieden schaffen, für ihn arbeiten.“. Keines von Beidem hat Europa ausreichend gemacht. Natürlich gilt dies auch für die USA, aber Europa soll hier im Mittelpunkt stehen, denn immerhin schreiben wir uns die größten und schönsten Werte auf unsere Fahnen. Weder haben wir vor Ort für Arbeit und Investition gesorgt, noch haben wir alle Optionen um Frieden zu schaffen gezogen. Die Folge daraus ist eine Tragödie, die hier nicht genauer beschrieben werden muss, da sie mehr als nur bekannt ist. Und seien wir ehrlich, wenn Hunger, Krieg und der nahende Winter drohen, dann würden auch wir das Weite suchen, zumal die Krise in der Region nicht erst seit wenigen Tagen besteht, sondern sich nun bereits über Jahre zieht.

Vielleicht sind die Muslimen in der Region der Krise derzeit tatsächlich die besseren Christen als wir. Denn Länder, die bei weitem nicht über unseren Wohlstand verfügen, haben um ein Vielfaches an Menschen mehr bei sich aufgenommen, als es das reiche Europa tut. Manch einer wird sagen, das ist auch richtig und gut so, denn immerhin verstehen sie diese Kultur und die Menschen, die auf der Flucht sind. Und ja, derjenige hat Recht, denn wir verstehen wirklich nicht, was wahre Not ist. Aber vielleicht verstehen es auch einfach die Entscheidungsträger nicht. Jene, die dem Kapital eine entsprechende Politik schuldig sind, wenn sie auch weiterhin vom System profitieren möchten.

Der reiche Norden Europas lässt den armen Süden in Form von Italien und Griechenland im Regen stehen. Länder, die selbst alles andere als mit Wohlstand gesegnet sind in Europa, machen uns Nächstenlieben und Menschlichkeit vor und das obwohl sie längst nicht mehr auf den Schirm der lieben guten EU getrost vertrauen dürfen, sondern berechtigt diesbezüglich Zweifel hegen. Vielleicht liegt es auch daran, weil sie wissen, wie es ist, wenn man gar nichts hat und auf die Hand des anderen angewiesen ist.

Ja, der Papst hat Recht, irgendwie haben wir den Bezug zur christlichen Nächstenliebe verloren und ja, vielleicht findet er in den Muslimen mittlerweile die besseren Christen, als hier im guten alten Europa. Wobei und das sei noch einmal hervorgehoben, gerade die Bevölkerung in Deutschland, Österreich und Kroatien Werte vorgelebt hat, die wir uns auf die Fahnen schreiben. So gesehen bedarf es vielleicht nur eines Wechsels in der Politik. Es bleibt zu hoffen, dass dieser nicht der Hetze und Propaganda folgt und rechts orientiert ausfällt.

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